Die Begründungen der Juries

Bester Spielfilm

"La canción de los niños muertos" | Mexiko | 2008 | David Pablos | 32´

Eine Mutter stirbt. Die Kinder und ihr Vater sind daran vielleicht nicht ganz unschuldig. Wie lebt man mit diesem Verlust und mit dieser Schuld? Zurückgezogen in einem Haus am Meer, scheinbar außerhalb von Zeit und Raum, erzählt der Film von den inneren Kämpfen dieser Gemeinschaft und findet dabei ebenso grausame wie zärtliche Bilder für ihren Schmerz. Der Film ist poetisch, archaisch, fast mystisch. Von großer, gestalterischer Kraft und doch niemals manieriert, sondern ganz nah an dem verzweifelten Mann und seinen Kindern, deren natürliches Erwachen der Sexualität der Film trotz des vorherrschenden Leidens nicht verschweigt. Der Kameramann komponiert dafür Bilder, die schön sind, weil sie wahrhaftig sind. Die intuitiv richtig gesetzt werden, auf dem schmalen Grad zwischen dokumentarischem und erfundenem. Ein mutiger Film, der sich nirgendwo anbiedert und der den Zuschauer tief berührt zurücklässt.

Lobende Erwähnung der Spielfilmjury

"Travemünde Trelleborg" | Schweden | 2008 | Sanna Lenken | 30´

Die Lobende Erwähnung der Spielfilm-Jury des 38. Internationalen Studentenfilmfestivals sehsüchte geht an einen Film, der von einer Entscheidung erzählt. Vor einer Entscheidung stehen ist uns allen sehr bekannt. Auch uns, der Jury, fiel es, durch die große Anzahl sehr guter Filme, schwer, eine solche zu treffen. Dieser Film nimmt uns mit, auf die Reise einer Entscheidung. Dabei fühlt man mit der Hauptfigur so sehr mit, dass seine Überlegungen uns vorkommen als wären sie unsere Eigenen. Durch die sehr präzise Regieführung, einer natürlichen, großartigen schauspielerischen Leistung, und einer unaufdringlichen Kamera, die es schafft uns die Protagonisten des Films sehr nahe zu bringen, ist dem gesamten Team ein authentischer Film gelungen, der niemanden kalt lässt. Die Jury gratuliert der Regisseurin zu diesem Film, der Mut macht zum Nach- und Umdenken - und wir hoffen sehr, dass wir ihr mit unserer Anerkennung noch mehr Mut geben, auch weiterhin solche Filme zu machen.

Bester Dokumentarfilm

"Goleshovo" | Bulgarien / UK | 2008 | Ilian Metev | 34´

Bester Spielfilm unter 25 Minuten

"Kósos" | Ungarn | 2008 | Marcell Gerö | 22´

In einem Schulinternat gibt es immer viele Geschichten über die verrückten Profs, die Verhaltensregeln und über die Schüler. Aber der Film, für den wir uns entschieden haben, verlässt schnell diese realistische Ebene und nimmt uns mit in eine neue fantastische Welt, die uns gleichzeitig aber auch bekannt vorkommt. Die atmosphärisch dichte, düstere Fantasy-Groteske ist von skurrilen Figuren bevölkert und überzeugt nicht nur durch Originalität und Einfallsreichtum, sondern auch durch eine hervorragende und stilvolle Optik. Die Kulisse, das Licht, das Spiel an sich - alles ist in diesem Film sehr stimmig. Dem Regisseur und seinem Team ist es gelungen, eine neue Welt zu erschaffen und wir hoffen, dass sie uns in der Zukunft noch weitere "neue fantasievolle Welten" schenken werden.

Bester Dokumentarfilm unter 25 Minuten

"Kuppikunta" | Finnland | 2008 |Reetta Huhtanen | 19´16´´

Bester Animationsfilm

"Noteboek" | Niederlande | 2008 |Evelien Lohbeck | 5´

Beste Kamera

"Schwester Ines" | Deutschland | 2009 | Armin Dierolf| 27´

Ich habe mich mal gefragt, warum Leute so gerne Karussell fahren. Wir setzen uns in so ein sich drehendes Ding und für eine Weile steht die Welt Kopf. Das freut uns. Weil es schön ist, alles um sich herum zu vergessen, einmal kurz die Schwerkraft sein zu lassen. Wir gehen gern ins Kino. Wir schauen Filme an, weil wir uns verführen lassen wollen in eine andere Welt, in das Leben und die Geschichten und die Zustände anderer, die nicht unsere sind, aber zu unseren werden. Wir wollen staunen, uns wundern, lachen, weinen, schmunzeln, uns das Herz brechen lassen oder zum Helden werden. Wir können das Universum wechseln, und wir sind bereit, sehr weit zu gehen. Sehr weit gehen kann man im Kino. Da ist die Fantasie grenzenlos. Wir haben einen verrückten Film gesehen, in dem ein Mensch es in seiner Lebensrealität nicht mehr aushält und zu fliehen versucht, ein neues Leben beginnen will. Aber man kann nicht einfach durch die Tür hinausgehen. Hier wackeln die Wände, hier bricht das Blut durch die Decke. Die Reise geht durch den Mutterleib und endet wiedergeboren auf einem dreckigen Acker. Die Bilder schlagen kreativ über die Stränge, sie wollen nicht realistisch sein, sie verführen uns konsequent in ein anderes Universum. Sie schaffen es, uns staunend zurückzulassen. Der Kamerapreis geht an Armin Dierolf "Schwester Ines".

Bester Schnitt

"Luksus" | Polen | 2008 | Jarek Sztandera| 28´

Preis gegen Ausgrenzung

"Unter Nachbarn" | Deutschland | 2008 | Steffen Düvel | 43´

Fokus-Dialog-Preis

"Erased" | Indien | 2006 | Neha Raheja Thakker | 8´18´´

Produzentenpreis

"Sores & Sîrîn" | Deutschland | 2008 | Stephanie Blum | 24´

Mit dem Produzentenpreis wollen wir einen Film auszeichnen, der es in unseren Augen geschafft hat, sowohl auf der Ebene des Konzepts als auch der Umsetzung in allen Bereichen der Produktion zu überzeugen.
Vor dem Hintergrund einer Logline, die uns zunächst abschreckte, schafft es der Film aus einer Begebenheit, wie sie sich sicher häufig im heutigen Deutschland zuträgt, den dramatischen Kern freizulegen, der keinen unberührt lässt und an die großen Filme von Bahman Ghobadi erinnert. Dabei kommt der Film stilistisch so bescheiden daher, wie es die Präsentation der Produktion doch hätte vermuten lassen können. Kein Wort zu viel, keine Manierismen, keine Effekthascherei, sondern stattdessen eine erstaunliche Ausgewogenheit von Inhalt und Aussage zu Aufwand und Technik.
Wie nebenbei wird das ewige Missverständnis vieler Filmschaffenden ausgeräumt, dass tragische Filme auch immer ihren Zuschauer quälen müssen - wahre Emphase wird bei dem vorliegenden Film nämlich durch Wahrhaftigkeit, Zugänglichkeit und modernes filmisches Erzählen erreicht.
Aus Produzentensicht wurde hier alles riskiert und deshalb alles richtig gemacht: Die Produktion bringt Autor und Regie aus zwei unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen. Das kann schnell schief gehen - hier tut es das aber nicht, sondern so wie die Figuren mit dem Ort verschmelzen (oder auch nicht), so finden Buch und Umsetzung zueinander, ohne sich jedoch beieinander anzubiedern. Bei der Wahl der Schauspieler wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um größte Authentizität zu sichern. Und genau das war vonnöten, damit dieser Film sich seinem Publikum unvergesslich ins Gedächtnis einbrennt. Denn in diesem Film geht es um nicht weniger als alles. Das gesamte Package stimmt also!
Die elliptische Erzählweise lässt uns eine emotionale Reise erfahren, die sonst nur beim abendfüllenden Spielfilm möglich ist. Wir fanden das Talent in allen Positionen so stark wahrnembar, dass wir sicher sind, in Zukunft weitere packende Filmerlebnisse von diesen Kreativen sehen zu dürfen. Die Produzentin, die so kongenial das Team zusammen gestellt hat und in die wichtigen Aspekte der Produktion, das Geld fließen ließ, hat mit begrenzten Mitteln einen Film geschaffen, der seinen studentischen Hintergrund völlig vergessen lässt und international in jeder Beziehung bestehen kann.

Lobende Erwähnung der Produzentenpreis-Jury

"Roentgen" | Deutschland | 2008 | Jörg Lassak | 24´

Kostümfilme erfreuen sich in der Filmbranche vor allem von Seiten der Produktion nicht besonders großer Beliebtheit - sie gelten nicht nur als teuer, sondern sie sind es auch. Deshalb sieht man auch nur äußerst selten studentische Produktionen, die in einer anderen Epoche spielen, denn zumeist reicht das Geld dafür einfach nicht aus. Und wenn das Geld reicht, so mangelt es aber oft an Feingespür für die Andersartigkeit ferner Epochen. In einem historischen Film ist es nicht nur mit den Kostümen getan - nein, die Recherche ist auch ungleich aufwändiger als üblich. Auf ästhetisch äußerst überzeugende Art und Weise münzt die Produktion "Röntgen" in jeder Hinsicht die Begrenzungen durch das Budget zum Vorteil für sich um. Mit den klaren Orientierungspunkt der Gemälde Vilhelm Hammershöis werden die Locations als fast menschenleer gezeigt, was das Geschehen ins Zeitlose und Traumhafte überhöht. Die Produktion konzentriert sich auf das Wesentliche - wenige Schauspieler, diese dafür hochkarätig und von der Physiognomie wie aus einem Handbuch über das 19. Jahrhundert. Auch ansonsten weiß man, worauf es ankommt - eine andere Zeit ist wie ein fremdes Land. Die Menschen müssen sich anders bewegt haben - hier bewegen sie sich anders, vorsichtiger. Sie sprachen anders. Und doch geht es um etwas Zeitloses, es ist kein L'art pour l'art, was uns hier vorgeführt wird, sondern um die Frage, ob wir bereit sind andere zu opfern, wenn wir uns selbst und einem höhern Zweck weiterhelfen wollen. Wie immer man solche moralische Dilemmata beurteilen mag - der Film ist über jeglichen ästhetischen Zweifel erhaben und wird deshalb lobend erwähnt.